Starke Frauen in der Bahnindustrie

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Erika Vallerand, 26, ist Designingenieurin im Produktintegrations- und Installationsteam (PII) mit Sitz am Designzentrum von Bombardier in Saint-Bruno (Montréal), Québec, Kanada. Sie arbeitet daran, Komponenten wie Türen, Sitze oder Böden in Zügen zu integrieren und deren Sicherheit und Qualität zu gewährleisten. MOVE sprach mit ihr darüber, dass Teams genauso zuverlässig zusammenarbeiten müssen wie die Systeme, die sie entwickeln.

Würden Sie sagen, dass Sie ein emotionales Verhältnis zu Bahnen haben?

Gewissermaßen. Ich finde, dass öffentlicher Nahverkehr eine Großstadt attraktiver macht und ihren Charakter prägt. Hochgeschwindigkeitszüge sind fantastisch. Sie verkörpern Ingenieurskunst auf höchster Ebene.

Eher noch als Zügen fühle ich mich aber Menschen verbunden. Als ich mich für den Ingenieurberuf entschied, ging es mir mehr um Teamwork als um Technik. Natürlich bin ich stolz auf unsere Produkte, aber wenn ich nur auf mich gestellt wäre, käme ich in diesem Beruf nicht weit.

Haben Schlüsselerlebnisse im Ausland Ihre Arbeit beeinflusst?

Als Studentin habe ich mit dem Zug zehn deutsche Großstädte besucht. Das ging so schnell und bequem, dass ich mich entschloss, im Bahnbereich zu arbeiten, damit der Schienenverkehr in Amerika ebenso großartig wird wie in Europa, sei es innerhalb einer Stadt oder im Verbund. US-Städte sind so verstopft, dass ihnen gar keine Wahl bleibt, als nach Bahnlösungen Ausschau zu halten.

Wie würden Sie Ihre Arbeit charakterisieren?

Ich habe das Glück, wirklich als Ingenieurin arbeiten zu können. Ich gehöre zum Team Produktintegration und -installation. Designingenieure integrieren Komponenten und alle Systeme eines Zugwagens unter den Gesichtspunkten Konstruktion, Methoden und Produktion. Wir stellen sicher, dass alle Systeme mechanisch ineinandergreifen, und das aufwendig sein.

Können Sie uns ein paar Details Ihrer Projekte erläutern?

Nun, ich fange nicht bei Null an. Die für Konstruktion und Aerodynamik zuständigen Kollegen geben mir ein Trägergerüst und der Kunde liefert uns seine Spezifikationen. Er möchte zum Beispiel die Haltegriffe in einer bestimmten Höhe oder eine genaue Zahl Sitze pro Wagen haben. Dann teilen wir den Zug in Untersysteme, und ich fange an, einige davon neu zu gestalten. Schwierig ist die Verknüpfung der Systeme untereinander. Außerdem müssen wir sicherstellen, dass unser Design auch praxistauglich ist, etwa dass der Monteur genug Platz hat, um mit der Hand in eine Lücke zu greifen und eine Schraube anzuziehen.

will dazu beitragen, dass der Bahnverkehr in Amerika ebenso so großartig wird wie in Europa.
Erika Vallerand will dazu beitragen, dass der Bahnverkehr in Amerika ebenso so großartig wird wie in Europa.

Können Sie uns ein Projekt nennen, das Ihnen besonders viel Spaß gemacht hat?

Ich habe gerade eines abgeschlossen, das super gelaufen ist. Eine Transportbehörde beauftragte uns mit Design und Installation eines neuen Kamera-Bildschirmsystems als Rückfahrkontrolle für Lokomotiven. Ich leitete das Kick-off-Meeting, erstellte eine Präsentation und überwachte die Arbeiten vor Ort in Toronto. Projektmanagement war für mich eine neue Erfahrung. Technisch habe ich alles unter Kontrolle und kann das Design selbst entwickeln, aber andere Leute mobilisieren, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, pünktlich fertig zu werden und im Budget zu bleiben, das war für mich schon eine Leistung.

Welche Eigenschaften muss man mitbringen, um in Ihrem Job gut zu sein?

Man muss neugierig darauf sein, wie Dinge funktionieren, und man muss sorgfältig sein. Denn oft geben gerade Details den Ausschlag. Da die Leute auch ihre Meinung ändern, muss man flexibel bleiben. Außerdem muss man verschiedene Aspekte wie Arbeitsschutz, Fertigung oder Wartung einbeziehen. In einem globalen Unternehmen wie Bombardier sollte man zudem kommunikativ sein. Ich arbeite von Montréal aus mit Leuten in der ganzen Welt zusammen.

Erzählen Sie uns etwas über den zunehmend internationalen Aspekt Ihrer Arbeit?

Ich arbeite von Saint-Bruno in Kanada aus an einem Projekt in Europa (RER NG für Paris). Die meisten Kollegen meines Teams sind in Europa ansässig, in Frankreich, Deutschland, der Tschechischen Republik. Zudem kooperieren wir mit Designern in Indien. Diese Form der Zusammenarbeit ist keine Ausnahme, sondern Teil der neuen Unternehmensstruktur. Wir gewinnen dabei wertvolle Einblicke und viele Vorteile. Künftig sollen alle Projekte so gehandhabt werden, was uns in die Lage versetzt, wichtiges Know-how standortübergreifend zu nutzen. Zudem können wir dabei Designer in der ganzen Welt schulen. Unsere Abteilung hat auch früher schon in der Angebotsphase an europäischen Projekten mitgewirkt, aber jetzt arbeiten wir erstmals auch in der Designphase mit Europa zusammen.

Sind Sie als Ingenieurin manchmal die einzige Frau im Raum?

Ja, das fing schon an der Universität an, aber ich versuche es als einen Vorteil zu sehen. Als Frau schauen einem die Leute mehr auf die Finger, aber letztlich hören sie auch eher auf uns. Das ist nicht nur bei Frauen so. Manch ein schüchterner Kollege sagt selten etwas, aber wenn er es tut, hört man ihm zu. Ich versuche auch, andere Frauen zu fördern. Derzeit bin ich Vorsitzende des Female Engineering Network in Nordamerika.

Wie sehen Ihre nächsten beruflichen Schritte aus?

Da das Toronto-Projekt so gut gelaufen ist, trete ich demnächst eine neue Stelle als Strategieanalystin in der Einkaufsabteilung an. Außerdem studiere ich berufsbegleitend für einen MBA. Später möchte ich gern in Europa arbeiten und möglichst viel über die Bahnsysteme dort lernen.