Bombardier

Auf schnellen Schienen am Stau vorbei

Learn

Ein Kontinent macht sich auf zur Wiederentdeckung des Schienenverkehrs. Immer mehr Millionenstädte Lateinamerikas setzen auf moderne Bahnsysteme, um ihre katastrophalen und bedrohlichen Verkehrsprobleme zu lösen. Attraktive, sichere und schnelle Zugverbindungen verringern die dramatische Luftverschmutzung durch den ausufernden Autoverkehr, und sie geben den Menschen neue Lebensqualität: mehr Gesundheit, mehr Mobilität, mehr Klimaschutz.

Im vornehmen Abasto-Hotel mitten im quirligen Zentrum in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires kamen vor einigen Monaten rund hundert Eisenbahnfachleute und Verkehrspolitiker zu einem Meeting zusammen, das auf dem südlichen amerikanischen Kontinent seit einigen Jahren Tradition hat: die „Rail LatAm“. Referate, Diskussionen, Fachgespräche – zwei Tage lang ging es um nicht mehr und nicht weniger als die Zukunft der Eisenbahn in Südamerika. Jahrzehnte lang hat der Kontinent im Landverkehr ausschließlich auf das Auto gesetzt – auf den privaten Pkw, auf Busse und auf den Lkw.

An einer Kreuzung im Viertel Ipanema treffen Stadtbusse, Taxis, Motorräder und Fußgänger aufeinander. Bis jetzt hat sich Südamerika vor allem auf den Straßenverkehr konzentriert.
Straßenverkehr in Rio de Janeiro, Brasilien. An einer Kreuzung im Viertel Ipanema treffen Stadtbusse, Taxis, Motorräder und Fußgänger aufeinander. Bis jetzt hat sich Südamerika vor allem auf den Straßenverkehr konzentriert.
»

18 Länder betreiben Schienenverkehr, aber nur in zehn Staaten sei dieser nach Einschätzung der Experten von einem nennenswerten Umfang.

«

Eine durchgängige Bahn-Infrastruktur existiert allenfalls in Ansätzen und ist vielfach nach der Privatisierung der Netze vor einigen Jahrzehnten abgewirtschaftet. Es gibt kaum Interoperabilität: Die Systeme wechseln häufig von Land zu Land oder sogar von Region zu Region. Es gibt allein sieben verschiedene Spurweiten, kaum elektrifizierte und kaum doppelgleisige Strecken, ermittelte der Internationale Eisenbahnverband UIC. 18 Länder betreiben demnach Schienenverkehr, aber nur in zehn Staaten sei dieser nach Einschätzung der Experten von einem nennenswerten Umfang.

Während der Personenfernverkehr und der Güterverkehr nur auf wenigen Strecken größere Verkehrsleistungen erbringen, wachsen aber in den Millionenstädten des Kontinents erste Stadtbahn- und Metronetze sowie Regional- und Vorortverkehre. In „mittelgroßen“ Städten mit zwei Millionen Einwohnern, so heißt es beispielsweise in Brasilien, seien Passagier-Transportsysteme auf der Schiene die einzige Lösung, um Staus und Chaos im Stadtverkehr endlich zu beseitigen. Etwa zehn der großen Metropolen, darunter São Paulo, Rio de Janeiro, Santos und Belo Horizonte, haben mit der Entwicklung effizienter Light-Rail-, Metro- und Commuter-Systeme begonnen.

Zur Verfügung steht modernste Bahn-Technologie. Preisgekröntes Vorzeigebeispiel ist die BOMBARDIER INNOVIA Monorail 300, die Bombardier derzeit in São Paulo realisiert (s. Kasten). Auch eine weitere, in Europa entwickelte Spitzentechnologie kommt mit Bombardiers Produkt INTERFLO 150 erstmals in Südamerika zum Einsatz – die Anwendung des European Rail Traffic Management System (ERTMS) für die Betriebsleittechnik wird derzeit in verschiedenen Projekten implementiert, zum Beispiel für den der SuperVia commuter service in Rio de Janeiro, Brasilien. Dort wird ein über 200 Kilometer langes Bahnnetz von Grund auf erneuert und modernisiert und in diesem Rahmen mit neuer Signaltechnik ausgestattet, die Zugfolgen von drei Minuten ermöglicht.

Ausgezeichnete Monorail für São Paulo

Die INNOVIA Monorail 300 von Bombardier ist von der UITP, dem internationalen Verband der Verkehrsunternehmen, mit der Auszeichnung „Intermodal Innovation for Latin America“ geehrt worden. Eine hohe Beförderungskapazität, ein schnell und kostengünstig zu bauender aufgeständerter Fahrweg, wenig Flächenbedarf in engen Innenstädten – das sind laut UITP die Pluspunkte der Monorail. 24 Kilometer lang soll die ins Metrosystem integrierte Linie im Endausbau werden. Bedient werden 17 Stationen mit 57 Sieben-Wagenzügen: Dank der Betriebsleittechnik CITYFLO 650 können sie in den Verkehrsspitzenzeiten im Abstand von nur 75 Sekunden fahren.

Ecuadors Hauptstadt liegt 2.850 Meter über dem Meeresspiegel. Buslinien sind bisher das Rückgrat des örtlichen Nahverkehrs.
Blick auf El Panecillo in Quito. Ecuadors Hauptstadt liegt 2.850 Meter über dem Meeresspiegel. Buslinien sind bisher das Rückgrat des örtlichen Nahverkehrs.
»

Das ist eine Konstellation, die geradezu ideal für ein Massenverkehrsmittel auf Schienen ist.

«

„In vielen Ländern Lateinamerikas hat die Politik verstanden, dass in ihren ausufernden Städten ein riesengroßer Bedarf an leistungsfähigen Bahnsystemen besteht“, beobachtet Oliver Pietz, Leiter Region Amerika bei DB Engineering & Consulting, dem internationalen Ingenieur- und Beratungsunternehmen der Deutschen Bahn. Ein Beispiel dafür ist Quito, die Hauptstadt von Ecuador. Sie ist wie ein langer Schlauch: Über 45 Kilometer breitet sich das Häusermeer und Straßengeflecht in Nord-Süd-Richtung aus, in der Ost-West-Richtung sind es höchstens fünf Kilometer. Auf den Straßen sind endlose Staus in den Hauptverkehrsrichtungen geradezu programmiert. „Das ist eine Konstellation, die geradezu ideal für ein Massenverkehrsmittel auf Schienen ist“, stellt Martin Zimmek, Head of Sales, Latin America, Bombardier Transportation, fest.

In Perus Hauptstadt leben über 10.000.000 Menschen. Damit ist Lima die drittgrößte Stadt Amerikas, nach São Paulo und Mexico City.
Lima bei Nacht. In Perus Hauptstadt leben über 10.000.000 Menschen. Damit ist Lima die drittgrößte Stadt Amerikas, nach São Paulo und Mexico City.
»

Die Hauptstadt von Peru liefert gute Beispiele dafür, wie das innerstädtische Verkehrschaos und die damit verbundene Luftverschmutzung durch den konsequenten Aufbau eines Metronetzes reduziert werden kann.

«

Zu den Megastädten, die schon einen Schritt weiter mit leistungsfähigem Schienennahverkehr sind, zählt Lima. „Die Hauptstadt von Peru liefert gute Beispiele dafür, wie das innerstädtische Verkehrschaos und die damit verbundene Luftverschmutzung durch den konsequenten Aufbau eines Metronetzes reduziert werden kann“, beschreibt Bahn-Experte Pietz. „Seit 2011 entstehen nach und nach zunächst vier Linien des Tren Urbano, unter staatlicher Regie, aber finanziert durch Public Private Partnerships (PPP).“ Für die Bewohner von Lima sei die Metro ein Segen, – durch die Möglichkeit, dem täglichen katastrophalen Verkehrsstau zu entrinnen. Nicht wenige, die außerhalb des Stadtzentrums leben, aber in der City arbeiten, müssen schon um 4.30 Uhr aufbrechen, damit sie vor der morgendlichen Verkehrsspitze rechtzeitig zur Arbeit kommen. Und bis sie wieder zu Hause sind, ist es später Abend. Laut Martin Zimmek trägt „die Linie 1 der Metro Lima – die mit Bombardier Signaltechnik ausgestattet ist – bereits erheblich zur Lösung der Mobilitätsherausforderungen der Stadt bei, da die durchschnittlichen Reisezeiten im Vergleich zum Auto von ca. 90 auf 30-45 min verkürzt werden. Darüber hinaus ist bemerkenswert, welch hohen sense of ownership die Einwohner Limas für ihr Metrosystem entwickelt haben und es dementsprechend wertschätzen“, so Martin Zimmek.

Sicher mit CITYFLO 350

Das moderne, effiziente Betriebsleitsystem CITYFLO 350 wurde erstmals in Südamerika für die Metro-Linie 1 in Lima (Peru) installiert. Zweite Anwendung ist die 22 Kilometer lange, zweigleisige Metro-Linie 1 in Quito (Ecuador) inklusive des zentralen Bahnsteuerungssystems BOMBARDIER EBI Screen und des automatischen Zugsicherungs- und Betriebssystems EBI Cab onboard für 18 Züge. Damit ist eine halbautomatische Betriebsführung möglich, die sicher und störungsfrei hohe Zugfolgen für die große Nachfrage ermöglicht.

1913 ging der erste Abschnitt der U-Bahn in Buenos Aires in Betrieb. Es war damals die erste U-Bahn in Latein Amerika und die 13. weltweit.
Passagiere in einer Metro Station in Buenos Aires. 1913 ging der erste Abschnitt der U-Bahn in Buenos Aires in Betrieb. Es war damals die erste U-Bahn in Latein Amerika und die 13. weltweit.
»

Mit der Metro und dem regionalen Schienenverkehr gibt es schon ein gutes Netz, aber beides muss stärker verknüpft werden.

«

Urbaner Transport auf Schienen ist auch in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires ein wichtiges Thema. „Mit der Metro und dem regionalen Schienenverkehr gibt es schon ein gutes Netz, aber beides muss stärker verknüpft werden“, meint Pietz. Geplant ist ein 16 Kilometer langer Nord-Süd-Tunnel, um die verschiedenen Linien im Umfeld der Stadt miteinander zu verbinden. Das argentinische Transport- und Eisenbahnministerium hat im Vorfeld des Projektes „Red de Expresos Regionales“ (RER) auch Großaufträge über 1.400 bis 1.500 Waggons für über 170 Züge in Aussicht gestellt.

Autos sind bisher das wichtigste Verkehrsmittel in São Paulo. Kilometerlange Staus gehören hier zum Alltag.
Straßenverkehr in Zentrum von São Paulo. Autos sind bisher das wichtigste Verkehrsmittel in São Paulo. Kilometerlange Staus gehören hier zum Alltag.

Viele der großen Ballungsgebiete denken auch über ihre Zentren hinaus und können sich Schnell- oder Hochgeschwindigkeitsstrecken vorstellen. So wird in Brasilien seit langem eine Neubaustrecke zwischen São Paulo und Rio de Janeiro diskutiert – doch der Südamerika-Experte der Deutschen Bahn ist skeptisch: „Mit rund 500 Kilometern ist das eine ideale Distanz für den Hochgeschwindigkeitsverkehr. Doch bei diesem Projekt ergeben sich erhebliche topographische Probleme, allein schon daraus, dass Rio am Meer, São Paulo aber 800 Meter hoch liegt. Das treibt den Finanzierungsbedarf in die Höhe.“

»

Dieses Jahrhundertprojekt wäre vergleichbar mit dem Panamakanal auf Schienen.

«

Gigantischer noch ein anderes geplantes Projekt: eine durchgehende Güterbahn vom Atlantik zum Pazifik, über fast 4.000 Kilometer und durch oder über die Anden. Dieses Jahrhundertprojekt wäre vergleichbar mit dem Panamakanal auf Schienen und wird nicht nur von vielen Staaten in Südamerika als vielversprechende Möglichkeit zur Verbesserung der Handelsaktivitäten gesehen, sondern auch von internationalen Partnern unterstützend begleitet. Die Zukunft der Eisenbahn hat in Lateinamerika viele Perspektiven!